Montag, 03 August 2026 12:22

Hannover: Neues Verfahren zum Testen von Hairstyling-Produkten für die Arbeitssicherheit Empfehlung

Wie die Fraunhofer-Gesellschaft in einer aktuellen Pressemitteilung bekanntgibt, hat ein Forschungsteam vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM in Hannover ein neues in vitro-Verfahren entwickelt, um potenziell schädliche Aerosole aus Haarpflegeprodukten zu testen. Das Verfahren ist auch geeignet, alle weiteren Aerosole zu testen.


Aufgrund von EU-Regularien dürfen für toxikologische Untersuchungen bei Kosmetika ausschließlich Methoden ohne Tierversuche angewandt werden. Es gibt jedoch eine rechtliche Grauzone: Im Bereich der Arbeitssicherheit verlangt das EU-Chemikalienrecht (REACH), dass chemische Stoffe umfassend auf ihre Sicherheit geprüft werden – das schließt den Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter ein, die diese Stoffe in der Produktion herstellen oder verarbeiten. Die Friseurin oder der Friseur ist dabei der Arbeitssicherheit einzugliedern, weil sie/er täglich beruflich Aerosole, chemische Dämpfe einatmen und auf die Haut bekommen. Sie gelten Friseure rein rechtlich „gewerbliche/professionelle Anwender“ und es gelten exakt dieselben Sicherheitsmaßstäbe (Expositionsgrenzwerte, Arbeitsschutzdaten) wie für Beschäftigte in einer Chemiefabrik (Artikel 14 Abs. 5 Buchstabe b, REACH-Verordnung).

In dieser Forschungsarbeit geht es um die Inhalationstoxikologie: In den OECD Testrichtlinien gibt es die Kurzzeit-Inhalationstests (Testrichtlinie 402) sowie zwei Variationen (Testrichtlinien 433 und 436), bei denen nur Testkonzentrationen verwendet werden, die nicht zum Tod der Versuchstiere führen und die Anzahl der Tiere verringern. In der Regel werden Ratten in den Versuchen eingesetzt. Außerdem gibt es die 90-Tage- und die Langzeittests. Aufgrund der biologischen und physikalischen Komplexität der menschlichen Atmung sind in vitro-Inhalationstests derzeit noch nicht als vollständiger Ersatz für Tierversuche anerkannt. Obwohl zahlreiche In-vitro-Methoden zur Identifizierung und Charakterisierung der Gefährlichkeit inhalierbarer Substanzen eingesetzt werden, bestehen weiterhin erhebliche Herausforderungen, darunter die Extrapolation auf den Menschen und die retrospektive Betrachtung.


Die feuchte Chemikalie wird auf die Haarsträhnen aufgetragen und anschließend bei etwa 200 Grad Celsius mit einem Glätteisen über das Haar gezogen.
Foto: Fraunhofer ITEM/Ralf Mohr 

Das am Fraunhofer ITEM entwickelte Expositionsgerät P.R.I.T.® ExpoCube® erlaubt die In-vitro-Testung flüchtiger Chemikalien oder Aerosole.
Foto: Fraunhofer ITEM/Ralf Mohr


Das Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM) in Hannover arbeitet bereits seit 1981 an in vitro-Methoden, um den Tierversuch im Bereich Inhalationstoxikologie zu beenden. Neben in vitro-Zellkulturen haben sie das Expositionssystem P.R.I.T.® ExpoCube® System und mathematische Modelle entwickelt, um Wirkungen im menschlichen Körper vorhersagen zu können.

Die zu testenden Produkte wurden auf menschliche Haarsträhnen aufgetragen und dadurch Aerosole erzeugt. Mit dem P.R.I.T.® ExpoCube®-System wurden menschliche Lungenzellen dann den Aerosolen ausgesetzt und der Einfluss auf die Zellen analysiert. Die Lungenzellen wurden an der Grenze zwischen Luft und Nährmedium kultiviert (Air Liquid Interface). Mit dem neuen Verfahren können sowohl Aerosole als auch flüchtige Chemikalien analysiert werden. Gemessen wurden Zellviabilität, mitochondriale Funktion, zellulärer Stress und die Freisetzung von Interleukin-8 als repräsentativer Marker für die körpereigene Entzündungsreaktion. 

Die in-vitro-Testergebnisse korrelierten mit den Erfahrungen von Friseurinnen und Friseuren.
 
Quellen und weitere Informationen:
https://www.fraunhofer.de/
https://www.reach-clp-biozid-helpdesk.de/
Hansen, T. et al. (2026). Guidance for in vitro air–liquid interface inhalation toxicity assessment. ESTIV-Kongresssession 2026, Mastricht. https://www.estiv.org/
https://www.prit-systems.de/en/references.html